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Liana MilluJüdin, Partisanin, frühe Feministin
Liana Millu wurde 1914 in Pisa geboren. Ihre Mutter starb, als sie ein Jahr alt war, ihren Vater, der bald wieder heiratete, hat sie wenig gekannt. Sie wuchs in Obhut ihrer Großeltern auf, die gläubige Juden waren und hatte deshalb auch eine religiöse Erziehung. Der regelmäßige Besuch der Synagoge, die Befolgung der Speisegesetze, das Fasten zu Jom Kippur und die rituelle Begehung des Sabbats gehörten in Liana Millus früher Kindheit zum Alltag. In Italien gab es seinerzeit rund 40 000 italienische Juden. Die jüdische Gemeinde in Pisa war nicht so groß wie die in Turin, aber von ihrer Anzahl her doch beträchtlich. Eine Art von ,Sonderstatus' oder ,Sonderbehandlung' durch die katholische Umwelt wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum hat Liana Millu in ihrer Kindheit nicht erlebt. Sie besuchte die öffentlichen Schulen und war - abgesehen vom Religiösen - in das allgemeine kulturelle und gesellschaftliche Leben der Stadt vollkommen integriert. "Eine rassische Diskriminierung hat es bis zur Verabschiedung der faschistischen Rassegesetze in Italien nicht gegeben. Jüdin sein bedeutete damals nichts anderes als einer anderen Religion anzugehören. Es bedeutete so viel wie Protestant oder Katholik zu sein." 1938 wurden in Italien die faschistischen Rassegesetze verabschiedet. Für Liana Millu, deren Großmutter bereits gestorben war und die daher fast ohne familiären Rückhalt überleben musste, ein höchst tragisches Ereignis. Bereits am 2. und 3. September 1938 wurden Verfügungen erlassen, die die jüdischen Kinder aus den allgemeinen Schulen ausschlossen und jüdischen Lehrern das Unterrichten in den öffentlichen Schulen untersagten. Im November des gleichen Jahres wurden dann weitere "Maßnahmen zum Schutz der italienischen Rasse" verabschiedet, darunter das Verbot der sogenannten "Mischehe".
Sie war damals sechsundzwanzig Jahre alt, unverheiratet und das einzige weibliche Mitglied der Gruppe. Obwohl ihre Beteiligung an der Resistenza, bedenkt man die breite soziologische und bildungsmäßige Vielfalt der weiblichen Widerstandskämpferinnen in Italien, sicher nicht untypisch war, war ihre Entschluss, sich gegen die deutsche Okkupation und das faschistische Regime aktiv zur Wehr zu setzten, doch das Resultat einer bewussten Entscheidung. Liana Millu gehörte jedenfalls nicht zu den zahlreichen Frauen, die von Haus aus antifaschistisch sozialisiert waren oder über familiäre Umstände, weil sie beispielsweise ihre im Partisanenkampf stehenden Ehemänner, Söhne oder Brüder unterstützen wollten, in den Widerstandskampf sozusagen 'hineingewachsen' sind. Sie kam vielmehr aus einer behüteten, bildungsbürgerlichen Familie und hatte sich in ihrer Jugend durch eine umfassende Lektüre eine solides humanistisches und literarisches Wissen angeeignet. Ihre Motivation, sich an der Resistenza zu beteiligen, kann man daher am ehesten mit einem rebellisch-humanistischen Gefühl, mit einem aufklärerischen Impetus erklären, mit jenem Geist also, den ich weiter oben unter dem Begriff der "fede laica" vorgestellt habe. Wichtig scheint es mir hier jedoch festzuhalten, dass Liana Millus jüdische Herkunft und die Tatsache, dass sie nach den Rassegesetzen als Jüdin gezielt diskriminiert worden war, als Motivation für ihren Eintritt in die Resistenza keine Rolle spielte. Dies wird von ihr ausdrücklich betont. Nach etwa vier Wochen im Frauengefängnis von Venedig, wo Millu mit normalen Kriminellen wie Diebinnen, Mörderinnen, Erpresserinnen und Prostituierten inhaftiert war, kam sie im April 1944 in das Konzentrationslager Fossoli di Carpi in der Nähe von Modena. Bei Fossoli, einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager, handelte es sich um ein sogenanntes "nationales Konzentrationslager", das heißt es war ein zentrales Sammellager, in dem die an verschiedenen Orten Italiens meist bei Razzien verhafteten Juden, die man vorübergehend in den Provinzkonzentrationslagern oder den lokalen Gefängnissen festgehalten hatte, zusammengeführt wurden. Die Errichtung eines Systems von Konzentrationslagern in den Provinzen erfolgte in der Verantwortung der Polizeibehörden des faschistischen Regimes von Salo', das am 30. November 1943 mit der Polizeiverordnung Nr. 5 eine entsprechende Regelung erlassen hatte. Die Forschung hat bislang kein Dokument gefunden, wonach diese Polizeiverordnung das Ergebnis gezielter deutscher Einflussnahme gewesen wäre. Es muss also davon ausgegangen werden, dass die faschistische Regierung hinsichtlich der Internierung der jüdischen Bevölkerung aus Interesse am eigenen Machterhalt den deutschen Okkupanten bewusst entgegenkam. Ob sich das italienische Innenministerium und die Polizeidirektion andrerseits im Klaren waren, welchem Ziel die Deportationen dienten, ist jedoch fraglich. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest Klaus Voigt in seiner Studie "Zuflucht auf Widerruf. Exil in Italien 1933-1945". Er schreibt: "Es spricht nichts dafür, dass mit der Polizeiverordnung Nr. 5 autonome Vernichtungsziele verbunden waren. Dies lässt eigentlich nur die Schlussfolgerung zu, dass das Schicksal der Juden der Regierung von Salo' vollkommen gleichgültig war, wenn sie nur Autorität und Handlungsfähigkeit gegenüber der Anhängerschaft demonstrieren konnte. Der abhängige Staat war auf die Fiktion der Souveränität angewiesen und konnte weniger denn je auf extreme Feindbilder und die Integrationskraft von Rassismus und Antisemitismus verzichten. Man möchte von einem antisemitischen Aktivismus sprechen, der um der Machterhaltung und -entfaltung willen die Aufopferung der Juden in Kauf nahm und es unterließ, wenigstens durch Passivität ein Signal für Obstruktion zu geben." (Bd 2, S. 365) Das Lager von Fossoli lag strategisch günstig zwischen Nord und Süd in der Nähe des Bahnhofs von Carpi. Es konnte, als es voll funktionstüchtig war, bis zu 5000 Menschen aufnehmen. Es war mit Stacheldrahtzaun umgeben und die Wachposten, es handelte sich anfänglich um Carabinieri, verfügten über Schilderhäuser. Ab Januar 1944 wurden in einem separaten Bereich auch politische Häftlinge interniert. Die Verwaltung erfolgte nach dem gleichen Muster wie die der Provinzkonzentrationslager, das heisst der Direktor war ein von der Questura in Modena mit Zustimmung des Innenministeriums ernannter Polizeikommissar. Für die Instandsetzungsarbeiten und die Lebensmittelversorgung war der Bürgermeister von Carpi zuständig. Am 16. Mai 1944 brach von Fossoli ein Güterzug nach Bergen-Belsen und Auschwitz auf. Von den mehrere hundert Menschen, die sich auf die Waggons des Konvois verteilten, war ein Großteil libysche Juden britischer Staatsangehörigkeit. Deshalb fand der Transport nach den Richtlinien der Genfer Konvention, das heißt unter Aufsicht des Roten Kreuzes statt und die Transportbedingungen waren für alle vergleichsweise erträglich. In den Eisenbahnwaggons war genügend Platz, um sich hinzulegen, es wurden regelmäßig Pausen gemacht und es gab ausreichend zu essen. Wohin die mehrtägige Reise ging, wussten allerdings weder Liana Millu noch ihre Leidensgenossen. Dass das Ziel kein einfaches Arbeitslager war, wie die meisten vermuteten, stellte sich erst bei der Ankunft in Auschwitz heraus. "Auf einmal wurden die Waggontüren aufgerissen und wir betraten eine inhumane Welt. Wir sahen die Kapos, die laut herumschrien und Stockschläge verteilten, die SS mit den kläffenden Hunden. Ich hörte dieses ,schnell! schnell!'- das erste deutsche Wort, das ich verstand, immer dieses ,schnell! schnell! schnell!'. Sie rissen uns die Koffer aus der Hand, stießen uns gewaltsam aus den Waggons und trennten sofort die Alten und schwangeren Frauen von den Jungen." Obwohl es zunächst den Anschein hatte, daß man die Häftlinge in Arbeitsfähige und Arbeitsunfähige einteilte, war das wirkliche Kriterium dieser Selektion die heillose Überfüllung des Lagers. Selbst wer, wie Liana Millu, der Gruppe der Jüngeren zugeteilt worden war, konnte nicht sicher sein, dem sofortigen Gastod zu entgehen. "Wir Jungen dagegen, sowohl Männer wie Frauen, mußten uns in Fünferreihen aufstellen. Eine Freundin von mir, die ich während des Transports kennengelernt hatte, drehte sich um und rief: ,Komm doch in meine Reihe!' Ich machte drei Schritte nach vorn und stellte mich neben sie. Am Eingangstor, daran erinnere ich mich wie heute, stand ein deutscher Offizier. Er war jung und sehr elegant. Er hielt eine kleine Peitsche hoch. Meine Reihe hatte gerade das Tor passiert, da senkte er die Peitsche. All die jungen Menschen, die hinter mir waren, einschließlich derer, die in der Reihe standen, in der ich mich vorher befunden hatte, kamen an diesem Morgen nicht mehr in das überfüllte Lager. Sie erhielten den Befehl zum Abmarsch in die Gaskammer. Deshalb sage ich immer, daß ich sehr sehr großes Glück hatte. Es waren drei Schritte, die mir das Leben retteten." Später wies man anhand von Dokumenten nach, daß von den achthundert Häftlingen, die an diesem Tag in Zügen aus verschiedenen Teilen Europas herangekarrt worden waren, nur siebzig ins Lager gekommen sind. Alle anderen sind noch am selben Tag in den Gaskammern ermordet worden. Doch besser noch als anhand ihrer Biographie lässt sich meines Erachtens Millus frühes feministisches Engagement anhand ihrer Bücher aufzeigen. Dies gilt insbesondere für "Il fumo di Birkenau", das unter dem Titel "Rauch über Birkenau" seit 1997 auch auf deutsch vorliegt. Verfasst hat sie das Buch allerdings sehr viel früher, nämlich kurz nach ihrer Rückkehr nach Italien, die im Oktober 1945 erfolgt war. Erschienen ist das Buch 1948, also nahezu zeitgleich mit Primo Levis Erfahrungsbericht aus dem Konzentrationslager "Se questo e' un uomo". Beide Bücher kamen zunächst in unbedeutenden Kleinverlagen heraus - das von Liana Millu in einem Schulbuchverlag - und beide hatten damals noch keine bemerkenswerte Resonanz. Levis Buch wurde schließlich zehn Jahre später von dem Verlag Einaudi übernommen. Bis "Rauch über Birkenau" eine über die italienischen Schulen hinausgehende internationale Anerkennung fand, mussten noch weitere vierzig Jahre vergehen. Inzwischen liegt es nicht nur in deutscher Sprache vor, sondern auch auf holländisch, englisch, französisch und norwegisch. Innerhalb der Holocaust Literatur ist stellt "Rauch über Birkenau" ein Novum dar, weil es eine der wenigen, vielleicht die einzige Autobiographie ist, die aus weiblicher Sicht den Frauenalltag im Lager schildert. Dies ist um so bedeutsamer als der Entstehungszeitpunkt des Buchs lange vor der Frauenbewegung der siebziger Jahre liegt. Millus Themen sind spezifisch weibliche Lebenserfahrungen wie Geburt, Mutterschaft, eheliche Treue, aber auch Gewalt, Sexualität und Prostitution. Da ist zum Beispiel die hübsche Ungarin "Lili Marleen", die sich in einen Kapo verliebt hat und von ihrer eifersüchtigen Aufseherin, die den Kapo für sich haben will, bei einer Selektion ins Gas geschickt wird. Bruna trifft ihren Sohn wieder, der in einem Kinderkommando arbeitet, kann ihn aber nicht retten und verliert über seinen Tod den Verstand. Die holländischen Schwestern Gustine und Lotti, beide sehr religiös, haben sich entzweit. Während die eine im "Puffkommando" versucht zu überleben, geht die andere märtyrerhaft an ihrem Tugendideal zugrunde. Oder Liana Millus Kojennachbarin Maria: Bei ihrer Ankunft im Lager hat sie ihre Schwangerschaft verheimlicht. Obwohl sie genau weiß, daß sie ihr Kind, wenn es erst einmal geboren ist, "gleich in den Ofen werfen", setzt sie alles daran, um es auf die Welt zu bringen. Ihr mutiger Kampf fürs Leben endet mit einem erbarmungslosen Tod. Während die anderen beim Appell anstehen müssen, verbluten Mutter und Kind in der dreckigen Baracke auf der Strohmatte. Liana Millus Erzählungen sind wahre Geschichten, sie rühren an, ohne sentimental zu sein, machen betroffen und nachdenklich, ohne pathetisch zu sein. Daß der Frauenalltag im Konzentrationslager anders funktionierte und von anderen Werten bestimmt war, als der der Männer, ist für die Autorin eine Selbstverständlichkeit. Den Historikern und Wissenschaftler wirft sie vor, daß sie die speziell weiblichen Aspekte des Lagerlebens noch nicht ausreichend beachtet haben: "Was bisher vernachlässigt wurde, ist die Art von Leben, das nur die Frauen im Lager herzustellen vermochten. Es weist viele Unterschiede zu dem der Männer auf. Was ich meine ist der Anschein von Normalität, den die Frauen versuchten, dem Lagerleben zu geben. Viele rissen Fäden aus den Decken und flochten daraus eine Schnur, mit der sie ihren Löffel an der Kleidung festbanden. Das war nicht ungefährlich, denn wenn man von der Kapo erwischt wurde, machte sie Scherereien. Ich habe auch Polinnen beobachtet, die stellten sich Kordeln her, machten eine Reihe von Knoten hinein und benutzten sie als Rosenkranz. Und ich erinnere mich an eine Französin, die ihre wöchentliche Margarineration dazu benutzte, ihr Gesicht gegen Falten zu schützen. Im Lager gab es eine Umwertung der Werte. Was im zivilen Leben vielleicht als Eitelkeit verpönt war, verwandelte sich hier in Widerstandskraft. Und den Frauen fiel es weniger schwer als den Männern, den einfachen und unmittelbaren Dingen und Gesten des Lebens eine Bedeutung zu geben, aus ihnen psychische und überlebensnotwendige Stärke zu schöpfen." Liana Millu wird dem Anspruch, der sich hinter ihrer Kritik verbirgt, nämlich die Realität des Lagers mit einem anderen Blick zu betrachten, in "Rauch über Birkenau" durchaus gerecht. Die Hauptpersonen ihrer Erzählungen sind ihre Leidensgenossinnen und Kameradinnen aus dem Vernichtungslager. In der überwiegenden Mehrheit waren sie in ihrem vorherigen zivilen Dasein Hausfrauen und Mütter und als solche gewohnt den Alltag zu organisieren, für den Fortbestand der Familie zu sorgen, sich dem Nächsten zuzuwenden und Leben zu erhalten. Im Lager setzen sie diese Existenzform fort, indem sie auch hier das Naheliegende tun, das sich aus der Situation heraus ergibt. Bei ihrem Kampf ums Überleben sind sie nicht geleitet von einer vorgegebenen Ideologie oder einem fernen politischen Ziel. Ihre Widerstandskraft und ihren Lebensmut schöpfen sie vielmehr aus ihrem Gefühl - dem Gefühl der Mütterlichkeit, der Zuneigung für den Geliebten, den Sohn, den Ehemann oder die Schwester. Und es ist das Verdienst von Liana Millu, dass sie uns sehr spannend zu lesende, sehr nüchterne und zugleich sehr einfühlsame Porträts von diesen vermeintlich ,geschichtslosen' Frauen überliefert hat. Ein Vortrag von Dr. Gudrun Jäger im Rahmen eines Studientages Jüdischer Widerstand und Hilfe für Verfolgte am 24.11.2001 in Frankfurt/Main.Liana Millu ist am 6.2.2005 im Alter von 90 Jahren in Genua gestorben. |
