''Wir wollten ein anderes Leben''
Giacomo Notari (Deckname: "Willi") schloss sich im Mai 1944 der Resistenza an und war Partisan in einer kommunistischen Garibaldi-Einheit
 Giacomo Notari: Ich komme aus einem Bergdorf im Apennin, aus einem sehr katholisch geprägten Umfeld. Insofern hatten wir keine besondere antifaschistische Vorbildung. Wir lebten in ganz ärmlichen Verhältnissen und betrieben Landwirtschaft. Wir erwirtschafteten gerade so viel, dass es zum Überleben reichte. Unsere faschistische Regierung ging zwar in Nordafrika Länder besetzen und führte in Spanien Krieg, aber in unseren Dörfern gab es nicht einmal fließend Wasser oder Elektrizität. Und dann kam noch der Eintritt in den Zweiten Weltkrieg dazu. Mit der deutschen Besatzung ab 1943 wurde alles nur noch schlimmer. Es wurden Leute aus unseren abgelegenen Bergdörfern deportiert und es gab Massaker an Zivilisten mit vielen Toten. Auch die ärmsten Apennindörfer wurden angegriffen und alles vernichtet oder mitgenommen. Das wurde von vielen Leuten meines Alters als himmelschreiende Ungerechtigkeit empfunden. Letztendlich musste man eine Entscheidung fällen: Setzte man sich zur Wehr und versucht diesen Krieg zu bekämpfen oder zog man wieder für die Faschisten, die mit den deutschen Besatzern kollaborierten, in den Krieg. Eine kleine Partisanengruppe verminte die Brücke, die zu unserem Dorf führte. Dadurch kam ich in Kontakt mit der Resistenza. Anfangs waren wir sehr wenige und schlecht ausgerüstet. Später sind wir mehr geworden und hatten bessere Waffen und Ausrüstung. So wurden wir zu einem ernsthaften Störfaktor und haben versucht unseren Beitrag zur Befreiung zu leisten. Unsere Motivation war nicht nur gegen die Deutschen zu kämpfen, sondern den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. In den Partisaneneinheiten haben wir uns schon bald einen Kopf darüber gemacht, was aus dem Land nach dem Krieg werden soll. Wir wollten ein anderes Land aufbauen, das niemandem mehr den Krieg erklärt, in dem die Dörfer Wasser und Licht haben und die Kinder zur Schule gehen können. Wir wollten die Monarchie abschaffen und eine demokratische Republik errichten, in der Frauen auch wählen dürfen und nicht nur Kinder für den Krieg gebären. Die Partisaneneinheiten waren am Anfang sehr kleine Gruppen, zuerst fast ausschließlich Männer. Trotzdem hat es immer eine Organisationsstruktur und auch Regeln gegeben. Diese wurden allerdings nicht einfach von oben vorgeschrieben, sondern wurden diskutiert. Es gab immer einen demokratischen Umgang zwischen den einzelnen Partisanen und Partisaninnen und den einzelnen Kommandanten. Und dann gab es den politischen Kommissar. Dieser war absolut keine militaristisch-hierarchische Figur, sondern er gab Politikunterricht. Es wurde nicht nur darüber gesprochen, was wir morgen mit den Deutschen machen, sondern auch: Wofür wir eigentlich kämpfen? Was wir nach dem Krieg in Italien verändern wollen? Insofern wird der militärische Faktor oft überbewertet. Und wir haben fast alle 1945 die Waffen abgegeben. Damit war aber unser Engagement nicht zu Ende. Ich bin wie viele ehemalige Partisanen lange Jahre Bürgermeister und Kreisrat gewesen. Im Laufe des Krieges haben uns die Engländer und die Amerikaner massiv mit Waffen unterstützt, so dass wir durchaus zu ernst zu nehmenden militärischen Gegnern wurden. Ein Erfolg unserer Bewegung waren die Partisanenrepubliken: Sieben, acht Gemeinden, die ein zusammenhängendes befreites Gebiet bildeten. Wichtig für die Republiken war der zivile Aspekt. Nach 20 Jahren Diktatur gab es Wahlen, Lebensmittel und Medikamente wurden gerecht verteilt, Schulen für die Kinder organisiert. Dies war eigentlich die Hauptbotschaft, die diese Partisanenrepubliken verbreiteten. Hier wurde schon in kleinem Rahmen die Demokratie ausprobiert, die erst 1946 in Italien eingeführt wurde. Aber auf dem Weg dahin gab es natürlich Schwierigkeiten. Es hat sehr bald Vergeltungsmaßnahmen gegeben. Nach den Massakern in Cervarolo, in Marzabotto und in verschiedenen Dörfern der Toskana war es schwierig die Deutschen anzugreifen. Und das bringt einen Widerstandskämpfer natürlich in eine schwierige Situation. Ein Beispiel: Eines Tages hatten wir kein Brot mehr. Wir beschlossen in meinem Dorf Brot zu holen. Während wir warteten, kamen Deutsche, die Lebensmittel für ihre Truppen beschlagnahmten. Wir haben uns auf dem Dachboden versteckt, von wo aus wir die Deutschen beobachten konnten und auch hätten erschießen können. Sie haben alles Brot, eine Fuhre Heu und ein Rind mitgenommen. Wenn wir diese Deutschen erschossen hätten, hätten andere Deutschen alle im Dorf umgebracht. So haben wir sie mit dem Brot ziehen lassen. Und mein Vater hat neues gebacken - aber wir haben ein Massaker im Dorf verhindert. |