"Einen Strich für jedes Militärfahrzeug"Annita Malavasi aus der 144. Brigade GaribaldiAnnita Malavasi übernahm in der Resistenza viele Aufgaben: Erst war sie als Stafette unterwegs, dann bewachte sie Faschisten im Partisanengefängnis und war 9 Monate lang als Partisanin in den bewaffneten Einheiten in den Bergen. Später wurde sie Kommandantin einer Antispionageeinheit.
 "Laila" (links) mit anderen Frauen der Resistenza im September 2001 beim Denkmal für die Frauen in der Resistenza in Castelnovo Monti Annita Malavasi war Hausfrau, als sie durch ihre Brüder in Kontakt zu den PartisanInnen kam. Ihre Eltern beschreibt sie als AnhängerInnen sozialistischer Ideen, aber nicht politisch aktiv. „Wir wohnten aber in einem Arbeiterviertel, wodurch ich mit Leuten in politische Diskussionen geriet, die viel weiter entwickelte Ideen hatten und schon viel stärker politisiert waren. Meine ersten Aktionen waren Flugblätter und Artikel für antifaschistische Zeitungen schreiben, Waffen überbringen und ähnliches. Ich habe immer Angst vor Sprengstoff gehabt. Einmal war ich mit einer Tasche voller Handgranaten, die wir in Glühbirnenkartons getarnt hatten, unterwegs. Ich habe die Tasche weit weg von mir gehalten, als ob das etwas nützen würde, aber das waren eben meine ersten Aktionen.“ Da ihr damaliger Freund aus der Bergregion kommt, ist Annita Malavasi oft dorthin unterwegs. Den PartisanInnen, die sich in diesem Gebiet aufhalten, fällt das auf, und sie tragen ihr erste Aufträge an. „Sie fragten mich, ob ich Waffen, Informationen, Lebensmittel usw. transportieren könnte. Das habe ich dann auch gemacht. Einmal habe ich eine Pistole in meinem BH transportiert, und genau in dem Moment, als ich von Deutschen kontrolliert wurde, ist der BH aufgesprungen. Ich tat als wäre mir schlecht, als müsste ich brechen. Sie boten mir Hilfe an, aber ich sagte: Nein, ich gehe zu meinem Freund, der ist ein toller Arzt, es geht schon. Ich hatte immer diese Fähigkeit im Augenblick großer Gefahr einigermaßen die Ruhe bewahren und mich selbst kontrollieren zu können.“
Mehrere Monate lang, bis August 1944, ist Annita Malavasi als Stafette unterwegs. Doch dann wird sie denunziert. Sie wird verhaftet, übersteht 6 Stunden Verhör ohne etwas preiszugeben und kann fliehen. Schnurstracks geht sie in die Berge und taucht unter. Ein Doppelleben ist nicht mehr möglich. „Der Kommandant hat mich befragt, warum ich hier sei und mir dann gesagt, ‘Gut, du bist hier nicht eine Frau und nicht ein Mann, du bist ein Partisan. Du musst die Waffen kennen lernen, wie man sie einsetzt, wie man sie pflegt, du wirst das tun, was alle machen, es gibt keine Unterschiede. Es gibt hier keine Hosen und Röcke, hier gibt es nur Partisanen.’ Stellt euch das mal vor! Ich bin groß geworden und mir wurde immer gesagt: ‘Sei still, du bist eine Frau.’ Denn in unserer Kultur war die Frau ein Objekt, sie hatte kein Recht, selbst Ideen zu entwickeln. Wer kommandierte, war der Mann. Du warst abhängig vom Vater, vom Bruder, vom Verlobten und vom Ehemann. Diese für mich neue Situation zwischen Frauen und Männern in den Partisanenformationen machte mir auch bewusst, welche Verantwortung ich zu tragen hatte. Denn in der Zeit zuvor bestimmte der Mann, aber umgekehrt hast du dich auch auf ihn verlassen. Jetzt musstest du auf eigenen Beinen stehen. Einen Monat später habe ich meinen Verlobten getroffen und es kam zu schweren Auseinandersetzungen, die dann zum Bruch führten. Denn er hat gesagt: ‘Wie, du bist hier, inmitten dieser Gesellschaft, inmitten all dieser Partisanen? Du wirst ja eine Frau, die nicht würdig ist, meine Kinder zu erziehen.’ “
Aus Annita Malavasi wird „Laila“ - so ihr Kampfname im Untergrund. Zusätzlich zu den normalen Aufgaben einer Partisanin übernimmt sie Verbindungstätigkeiten. Oft geht sie alleine oder zusammen mit anderen Frauen in das feindliche Gebiet, um die militärischen Einheiten abzusichern und gegnerische Ziele auszumachen. „Wenn wir zurück kamen, wenn die militärische Aktion dann anfing, also Angriffe gemacht wurden, vermint wurde, Sabotage gemacht wurde, waren wir oft dabei. Daran habe ich sehr oft auch selbst teilgenommen. Das war bei vielen Stafetten so, dass sie im Prinzip eine Doppel- oder eine Mehrfachfunktion hatten. Diese Antispionage und die Losungswörter, die Versorgung, aber eben auch diese Vorhut und der direkte Kampf.“
9 Monate lebt Annita Malavasi als Partisanin in den Bergen. Monatelang ist sie die einzige Frau in ihrer Einheit. Sie betont nachdrücklich die große Solidarität, den starken Zusammenhang unter den PartisanInnen. Doch die Frauen seien auch immer wieder angegriffen worden. „So ist zum Beispiel mal die Idee entstanden, bei all dem Schnee,der lag, wir sollten keine Hosen mehr anziehen dürfen, weil wir sonst unsere Weiblichkeit verlieren würden. Es war absurd.“ Annita Malavasi zieht die Hosen wieder an. Dann kommt die Anweisung, Frauen sollen keine Waffen mehr tragen. Annita Malavasi, eine resolute Frau, gerät noch heute in Empörung, wenn sie davon erzählt: „Wenn wir in die gefährlichen Gebiete vordringen, sollte ich ohne eine Waffe gehen? Aber was bin ich, ein Karnickel? Wer so etwas fordert, der soll persönlich kommen und versuchen, mir die Waffe abzunehmen. Ich war immer bewaffnet und niemand hat es gewagt, mir meinen Revolver abzunehmen.“ Trotz aller Kämpfe gegen männliche Vorurteile und frauenfeindliches Verhalten auch bei den Partisanen vergisst Annita Malavasi nicht, dass sie in einem vergleichsweise geschützten Raum lebt, in dem sie Freiheiten genießt, von denen sie im Faschismus nicht zu träumen gewagt hätte: „Zum Beispiel in der ersten Nacht in den Bergen. Die anderen Partisanen waren um die 25 junge Männer zwischen 19 und 25. Ich lag zwischen einem Ex-Carabiniere und zwei anderen und wir haben fast die ganze Nacht geredet, so als Gefährten. Keiner der Männer hat mich in Verlegenheit gebracht. Wenn ich so was außerhalb einer Partisanenformation gemacht hätte, kannst du sicher sein, dass der eine oder andere sein Hand hätte spielen lassen. Aber hier war ich eine Partisanin.“
Das Leben in den Bergen ist hart. Die PartisanInnen sind ständig in der Gefahr entdeckt und angegriffen zu werden. Oft gibt es bewaffnete Auseinandersetzungen. Die KämpferInnen sind schlecht ausgerüstet, bei Wind und Wetter unterwegs. „Oft mussten wir uns im Stall zu sechst oder siebt eine Decke teilen. Wir haben uns zusammengelegt, damit wir nicht erfroren, denn der Winter 44/45 war extrem kalt. Es lag ein Meter Schnee. Für uns war es ein großes Problem diese Kälte und diese Schneemassen auszuhalten. Es gab keine Straßen und schon gar keine Schneeräumer. Wir mussten die Wege mit unseren Beinen anlegen und das war enorm anstrengend. Und danach konntest du dich nicht in einem geheizten Haus ausruhen. Wir haben uns oft in den Ställen zu den Schafen, Ziegen und Kühen gelegt, um von deren Körperwärme geschützt zu werden und nicht zu erfrieren.“ Ein Tag im November 1944 hat für Annita Malavasi drastische Folgen. 12 Stunden lang waren sie gelaufen, es war kalt und es hatte ununterbrochen geregnet. „Das Wasser lief dir in den Nacken rein, den Körper runter in die Schuhe. Wir kamen völlig durchnässt und halb erfroren an. Ich habe rheumatisches Fieber bekommen, wir hatten eben keine geheizten Häuser. Das war auch deshalb schlimm, weil wir schlechte Verpflegung hatten und unsere Körper geschwächt waren. 15 Tage lang habe ich in einem Stall gelegen. Wir hatten keinen Arzt und nicht mal ´ne Aspirin gegen das Fieber.“ Ihr Körper schafft es und sie wird wieder gesund. Annita Malavasi übernimmt in der Zeit der Resistenza viele Aufgaben: zunächst Verbindungstätigkeiten, später bewacht sie Faschisten im Partisanengefängnis. Dann wird sie beauftragt, eine Frauengruppe einer Informationseinheit zu bilden und zu kommandieren. „Ich war die Kommandantin der Stafetten des Nachrichtendienstes. Wir waren ungefähr 40 Frauen in dieser Einheit. In einigen Fällen waren die Frauen der ganzen Familie dabei, Großmutter, Mutter, Schwiegertochter, Tochter, bis zum 9jährigen Mädchen, das mal mit uns gekommen ist. Die Frauen mussten oft sehr weite Entfernungen überwinden. Es gab damals keine Handys und auch keine Telefonzellen, es gab damals in jedem Dorf maximal ein Telefon bei der offiziellen Poststation. Die einzige Kommunikation, die die Widerstandsgruppen miteinander hatten, lief über unsere Beine. Danach war man sehr müde und froh, wenn man Häuser fand, die einen beherbergten und versteckten. Mehr als einmal haben die Leute uns gestützt, richtig mit den Händen, und uns dabei geholfen die Treppe zu den Schlafräumen hinauf zu gehen, weil wir nicht mehr konnten, weil unsere Beine, die alles machen mussten, einfach fertig waren.“ Die Frauen dieser Einheit überbringen Nachrichten, Informationen und Befehle. Sie begeben sich oft in feindliches Gebiet, um die Situation auszukundschaften. „Wir beobachteten auch die Truppenbewegungen der Deutschen. Im Zusammenhang mit Gegenmaßnahmen und Durchkämmungsaktionen war das sehr wichtig. Die jungen Frauen legten die langen Wege zurück. Es gab aber auch viele ältere Frauen, die vor dem Haus sitzend aufschrieben, wie viele Militärwagen der Wehrmacht vorbeifuhren und wie sie bewaffnet waren. Der Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte in Italien, Kesselring, hat einmal gesagt, der italienische Widerstand hätte ein effektiveres Informationsnetz als sie selbst. Er wusste nicht, dass das oft Analphabetinnen waren, die einfach Striche machten für jedes Militärfahrzeug, dass sie es waren, die die Besatzung beenden wollten und sich für ihre Freiheit und Unabhängigkeit einsetzten.“
Annita Malavasi war eine der 11 weiblichen Kommandantinnen von Partisaneneinheiten in der Region Emilia-Romagna. Für sie – und viele andere Frauen – bedeutete die Resistenza einen riesigen Einschnitt in ihrem Leben. Sie weiß genau, was sie geleistet hat, und will sich die mühsam erkämpften Freiheiten keinesfalls wieder nehmen lassen. "Die Arbeit der Frauen war letztendlich das Rückgrat der Resistenza. Es gibt heute viele Leute, die das kleinreden wollen. Die die Partisanenbewegung insgesamt und die Wichtigkeit der Rolle der Frauen kleinreden wollen. Das ist sehr gefährlich. Wir haben 20 Jahre Diktatur durchgemacht, die uns Armut, Hunger, Krieg und Besatzung gebracht hat. Für den Fall, dass es diese gesellschaftlichen Negativentwicklungen und Rückschritte wieder gibt, werden wir Frauen die allerersten sein, die wieder die Zeche zu bezahlen haben." |