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Sie sind hier: Home arrow Widerstand arrow "Toni" erzählt die Geschichte der ersten freien Partisanenrepublik

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"Unsere Erfolge verbreiteten sich wie ein Lauffeuer"

Toni 1943

 26. Juli 43: Demonstration u. Befreiung von politischen Gefangenen in Reggio Emilia nach dem Sturz Mussolinis (Toni im Bild rechts)

Toni am Waffenabwurfplatz

Toni auf der Wiese im Hochapennin - 1944 Waffenabwurfplatz der Alliierten

Buchvorstellung pietre dolenti

Buchvorstellung pietre dolenti

Buchvorstellung "pietre dolenti - PartisanInnendenkmäler in Reggio Emilia" auf dem Waffenabwurfplatz (Sept. 2000)

 Toni und Visser

 

 

 8.3.1944:
Toni (links) und Visser treten der
Resistenza bei und gehen in die Berge

 

 

 mp3 Originalton
Deutsche Übersetzung 

Am 19.5.44 warfen die Alliierten die ersten Waffenkisten ab. Wir waren nur ca. 100 Personen und sind dadurch gut ausgerüstet worden. Konnten dadurch den Gegenangriff der ca. 1000 Schwarzhemden abweisen, obwohl wir nur ungefähr 12 Leute waren, aber gut postiert. Gemeinsam mit den nachrückenden Partisanengruppen konnten wir ihnen eine schwere Niederlage zufügen, wobei die Gegenseite erhebliche Opfer hatte. Das gab uns einen Motivationsschub, so dass wir darauf hin verschiedene andere kleine Kasernen und Polizeistationen in dieser Gegend angreifen und entwaffnen konnten.

Es verbreitete sich wie ein Lauffeuer, dass diese relativ kleine Partisanenbewegung plötzlich große Erfolge zu haben schien. Das führte dazu, dass im Laufe des Monats Juni unsere Einheit bis auf 2000 Personen anwuchs. Wir hatten enorme Schwierigkeiten, sie ein bisschen auszubilden, auszurüsten und sie entsprechend in Formationen einzugliedern.

Auch die Partisanen im Bereich Modena wuchsen innerhalb kurzer Zeit auf 5000 Personen an. So konnten wir insgesamt ungefähr 7000 Leute hier in den Bergen zusammenziehen. Wir haben es dann geschafft Mitte Juni 1944 im Hochapennin zwischen Reggio Emilia und Modena eine sieben Gemeinden umfassende Partisanenrepublik auszurufen und zu organisieren. Eine ca. 40 km breite Fläche, wo erstmalig seit zwanzig Jahren wieder ein Bürgermeister und ein Gemeinderat gewählt wurde. Wir hatten gute Verbindungen zu den Alliierten, sie haben uns dort fast täglich versorgt. Wir hatten daraufhin angefangen, Landebahnen für kleine Flugzeuge zu konstruieren. Das brachte wahrscheinlich das Fass zum Überlaufen. Die Deutschen führten am 30. Juli eine große Durchkämmungsaktion in diesem Gebiet durch und zerstörten die Partisanenrepublik.

Sie kamen von drei Seiten und versuchten uns in eine Sackgasse zu treiben. Unsere Verbände haben sich aufgelöst und wir schlugen uns in Kleingruppen durch. Es gibt hier sehr viel Wald, die Deutschen konnten nicht das ganze Gebiet überblicken und so sind viele durch die deutschen Linien weggekommen. Unsere Gruppe schlug sich 12 Tage lang unter Rückzugsgefecht in die Toscana durch. Die Wälder standen ständig unter Mörserbeschuss, aber nach dem Zufallsprinzip und so haben sie uns auch nicht gekriegt.

Bei den Rückzugsgefechten gab es auf beiden Seiten erhebliche Opfer. Die Deutschen brannten als Vergeltungsaktion eine Kleinstadt und andere kleine Anwesen ab, töteten ca. 10 Zivilisten und deportierten mehrere 100 Leute zur Zwangsarbeit nach Deutschland. All das konnten wir nicht verhindern.

Nach einiger Zeit sind die Kleingruppen nach und nach zurückgekehrt, wir fanden uns wieder zusammen. Als wir zurückkamen, gingen wir nicht wieder in die gleichen Dörfer, sondern hielten uns in Zelten aus Fallschirmen auf dem Land auf. Wir konnten erst wieder ganz langsam Kontakte in die Dörfer knüpfen, die in der Zwischenzeit abgebrannt, zerstört, halb deportiert waren und dort Leute getötet wurden. Es hat lange Zeit gedauert, bis wir wieder auf 1500 bis 2000 Partisanen angewachsen sind. Doch dann haben wir das Gebiet der vorherigen offiziellen Partisanenrepublik wieder unter eigene Kontrolle bekommen. Ab Winter 1944/45 war es faktisch durchgehend befreites Gebiet. Zwar sind die Deutschen noch ab und zu gekommen, aber nicht in so großer Anzahl und für lange Zeit. Sie führten Angriffe über ein bis drei Tage aus und zogen dann wieder ab. So war unsere Taktik, zusammen mit den uns bekannten und von uns eingesetzten Bürgermeistern: Man zog sich zurück und kam wieder. Inzwischen waren wir auch so stark, dass es für die Deutschen kein Zuckerschlecken war.

Dieses Gebiet war dann unsere Basis, von da aus gingen die Gruppen los um dann z. B. die beiden großen Bundesstraßen anzugreifen, Brücken zu sprengen - das was ich machte - und die Infrastruktur zu zerstören. Das hat die Deutschen sehr in Rage versetzt, denn es waren ihre wichtigen Verbindungswege für Nachschub in die eine und Rückzug in die andere Richtung. So versuchten die Deutschen nochmals gegen Ende des Krieges, kurz vor den Tagen der Befreiung, mit schlagkräftigen, schnellen Aktionen die Straße frei zu kriegen, um sich über die Toscana, Gotenlinie, Emilia Richtung Brenner und heim ins Reich zurückziehen zu können. Das hat aber zum großen Teil nicht geklappt, weil wir sämtliche Brücken hier in der Gegend gesprengt hatten und auf dem Straßenabschnitt im Bereich Reggio große Teile der durchziehenden deutschen Truppen gefangen nehmen konnten. Inzwischen waren wir so kampferprobt, ausgerüstet und motiviert, dass wir oft Gegenangriffe durchführten und die Deutschen auch durchaus Niederlagen einstecken mussten.

Mein Job war, Sabotage zu betreiben. Wir waren sechs Personen in einer Spezialgruppe, davon sind wir am Ende nur zu Zweit übriggeblieben. Darauf hin stellte ich eine neue Gruppe mit 12 Leuten auf, die darauf spezialisiert war, Brücken, Straßen, Eisenbahnlinien etc. zu sprengen. Wir waren direkt dem Zentralkommando der Partisanen unterstellt und wurden als flankierende Maßnahme für Partisanenangriffe eingesetzt, wenn die Infrastruktur lahm gelegt werden musste, um die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen.

mp3 Originalton    Deutsche Übersetzung


Es gab noch eine zweite wichtige Sabotage-Gruppe, das waren sowjetische Partisanen - deren Gruppenname war "Der blaue Hund".

Manchmal ging unsere Gruppe zusammen los, manchmal gingen nur Zwei oder Drei. Wir waren ständig auf den Beinen, nicht nur hier in den Bergen. Auch in der Poebene und auf der anderen Seite der Berge, in der Toscana, waren wir eingesetzt. Wir umgingen Kampfgebiete, um hinter dem Rücken der Deutschen Brücken zu sprengen, die Munitionszufuhr zu unterbrechen oder Verwirrung zu stiften. In den Tagen des massenhaften Rückzugs der deutschen Truppen, stellten wir eine deutsche Wegausschilderung in die falsche Richtung auf. Dadurch verlief sich eine große Wehrmachtseinheit, ca. 10.000 Soldaten, in eine Sackgasse und konnte komplett gefangen genommen werden.