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Befreiung Venedigs   Schülerzeichnung aus: Li hanno portati via

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Gruppe jüdischer VenezianerInnen nach der Befreiung auf dem Campo del Ghetto, Venedig, aus: Gli ebrei a Venezia 1938-1945. Una comunità tra persecuzione e rinascita, a cura di Renata Segre, il Cardo, Venezia 1995, Abb. 297b, S. 214
rechts: Schülerzeichnung aus: Mi racconti. Storie scritte ed illustrate dagli alunni delle classi V delle scuole elementari di Spinea. Anno scolastico 2003/2004, Tipolitografie G.B. Graf de Maerne (Ve) 2005, S. 65


Figli della Shoa – Kinder der Shoa

Unterrichtsmaterialien in deutscher Sprache

1998 gründete sich in Mailand der Verein „Figli della Shoa – Kinder der Shoa“, eine jüdische Institution mit Niederlassungen in größeren italienischen Städten. Ziel des Vereins ist es, Kindern und Jugendlichen vor allem an italienischen Schulen durch die Erzählung von ZeitzeugInnen und durch Unterrichtsmaterialien von der Vernichtung des europäischen Judentums in der NS-Zeit, dem Überleben und dem Widerstand zu berichten.

Der Verein in Venedig hat für die Arbeit in Hauptschulen eigens Unterrichtsmaterialien erstellt und dazu SchülerInnen aufgefordert, die Erzählungen der ZeitzeugInnen selbst aufzuzeichnen.
Daraus sind drei Bücher entstanden, eines davon ist mittlerweile in deutscher Sprache erschienen. Wir veröffentlichen daraus zwei Geschichten sowie einen kurzen von dem venezianischen Verein verfassten historischen Vorspann.

Der Verein Venedigs „Figli della Shoa“ ist an der Verbreitung des deutschsprachigen Buchs an deutschen Schulen interessiert!


Kontakt und Bestellungen an:


Associazione figli della shoa
Children of the Shoa
Cannaregio 4560
I.30121 Venezia
Tel./Fax 0039-041-5226443
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Ein wenig Geschichte

Von: Figli della Shoa

In den Geschichtsbüchern für Kinder trifft man in dem Kapitel, das vom 2.Weltkrieg handelt, auf einige Sätze über den Antisemitismus und über die Rassengesetze in Deutschland. Und oft sieht man das Foto eines kleinen deutschen Mädchens, das nach Holland geflüchtet ist: Anne Frank – Symbol aller kleinen verfolgten Kinder, die nur deshalb ermordet wurden, weil sie Juden waren. Schwieriger jedoch ist es, Angaben über die Rassengesetze in Italien und ihrer kleinen „Anne Frank“ aus Venedig, Padua, Rom, Mailand zu finden ... und über ihre Familien.

Auch in Italien sind die Juden leider zuerst in der Gesellschaft gemieden und dann, nach dem 8. September 1943, überall gesucht worden, um sie in die Züge zu verfrachten, die sie in den Tod brachten. 1938 verkündete die faschistische Regierung, Verbündete des nazistischen Deutschlands, die Rassengesetze. Diese Gesetze besagten, dass die Italiener einer überlegenen Rasse angehören, die sich nicht mit einer andersartigen Bevölkerung mischen dürfe. Die Juden wurden als andersartige Rasse bezeichnet und somit diskriminiert. Juden konnten keine Nichtjuden heiraten, keinen Militärdienst leisten, konnten keine Besitzer von Häusern, Grundstücken und Unternehmen werden, konnten keine Nichtjuden als Angestellte haben. Sie konnten nicht für den Staat arbeiten, nicht in der Partei, nicht in der öffentlichen Verwaltung, nicht in den Nationalbanken oder in Versicherungen. Die jüdischen Lehrer und Studenten wurden aus den Schulen jeglichen Ranges verwiesen.

In den Erzählungen der Großeltern, die hier von den venezianischen jüdischen Kindern erzählt werden, trifft man auf all diese Limitationen, auf all die Schmerzen, die Demütigungen und die täglichen Schwierigkeiten, die diese Gesetze verursachten. Aber nach dem 8. September 1943, als die Deutschen die wirklichen Herrscher im Norden unseres Landes geworden waren, werden die Erinnerungen angstvoller.

Die Widerstandsbewegung entstand, in Süditalien waren schon die Alliierten, aber die langen Monate – fast 2 Jahre – bis zur Befreiung waren fürchterlich für viele Italiener. Und für die Juden waren es Monate des Schreckens. Wer sich nicht versteckte, wer gefunden wurde, wurde nach Deutschland deportiert und starb. Die Überlebenden waren wenige, unter ihnen keine ältere Menschen und keine Kinder.

In Venedig zwangen die Nazifaschisten zu jener Zeit Herrn Dr. Jona, den Präsidenten der jüdischen Gemeinde, eine Liste der Mitglieder zu erstellen, um die "Arbeit" der SS zu erleichtern. Um diese Liste nicht abgeben zu müssen, beging der ehemalige Chefarzt des Zivilkrankenhauses Selbstmord.
Im Dezember 1943 war die erste Razzia: Mehr als 100 Juden wurden in Venedig, Lido und Chioggia gefangen genommen. Sie wurden für einige Tage im Convitto Foscarini in Venedig eingesperrt. Von dort aus brachte man sie zum Lager Fossoli und verschleppte sie anschließend nach Auschwitz. Im August 1944 wurden die alten Leute aus dem Seniorenheim festgenommen; im Oktober die Kranken aus den Hospitälern und den Irrenanstalten. Sie wurden nach Triest, in die Risiera San Sabba, und dann nach Deutschland deportiert. Der Rabbiner folgte den alten Leuten in das Vernichtungslager.

Endlich, nach der Befreiung, kehrten die Juden nach. Hause zurück. Aber nicht alle fanden ihre Lieben wieder. Die schrecklichen Geschichten derer, die sich nicht retten konnten, findet man hier nicht. Aber die Aussagen derjenigen, die überlebt haben, helfen uns, die Vergangenheit nicht zu vergessen und so die Gegenwart besser zu verstehen.

Ein Textbeispiel aus: "Erzählst du mir, Großmutter? Erzählst du mir, Großvater?, hrsg. v. Figli della Shoa, Venedig:

Eine kühne Kriegslist

Marco fragt seinen Großvater, dessen Vornamen er trägt, ihm eine Episode zu erzählen, wie er sich versteckte, um nicht von den Nazis oder den Faschisten festgenommen zu werden. 1943 war Großvater Marco 15 Jahre alt.

Mein Großvater ist ein überaus fröhlicher Mensch, sehr erfahren und positiv eingestellt. Wenn er von der sehr traurigen Zeit des Zweiten Weltkriegs erzählt, erinnert er sich selten an die Flucht aus Venedig oder die traurige Episode des Todes seiner ganz jungen Schwester. Auch nicht daran, dass er in doppelter Hinsicht verfolgt wurde – einmal als griechischer Bürger und außerdem als Jude. In diesem Meer von Wechselfällen erinnert er sich mit seinem üblichen Enthusiasmus an komische und lustige Episoden.
Großvater Marco und Großmutter Irma waren 1939 noch Kinder von neun und zehn Jahren. Sie retteten sich erst vor der Verfolgung der Faschisten und dann vor den Nazis, indem sie sich nur 30 Kilometer von Venedig entfernt versteckten: die Großmutter in Paluello, der Großvater in Zenson di Piave. Sie lebten mit falschen Dokumenten, mussten öfter die Wohnung wechseln und versuchen, mit Hilfsmitteln über die Tage zu kommen.
Wie gewöhnlich gingen der Großvater und sein Vater in die Felder, um Holz zum Feuermachen im Haus zu suchen. Einmal brauchten die Deutschen Männer, um neue Schützengräben auszuheben. Da nahmen sie auch den Papa des Großvaters und den Großvater selbst fest, ohne jedoch ihre Identität zu kennen. Sie zwangen sie, für sie zu arbeiten. Der Opa und sein Vater nutzten die Gelegenheit, das überschüssige Holz nach Hause zu tragen. Als die Deutschen das bemerkten, nahmen sie es ihnen sofort ab und erklärten, dass es verboten sei, Holz nach Hause zu tragen, das länger als einen halben Meter ist.
Mein Urgroßvater, der vor nichts kapitulierte, fand sofort eine Lösung: Er schnitt jedes Stück Holz in 10-cm-Stückchen und verhinderte so, dass die Deutschen die illegale Beschaffung von Holz stoppten. In jenen Tagen erwärmten sie sich nicht nur durch das Holz, sondern auch an der Genugtuung, den Feind überlistet zu haben.
Ein anderes Mal, gegen Sonnenuntergang, transportierte mein Großvater mit seinem Vater Salz, das die Familie brauchte, mit dem Fahrrad. Inzwischen war es Nacht geworden, und er sah eine Sperre der Faschisten, der sie nicht ausweichen konnten. Mein Großvater sah sich schon festgenommen durch die Faschisten. Doch sein Vater sagte ihm, er solle nicht verzweifeln, sondern sich darauf vorbereiten, so schnell wie möglich in die Pedale zu treten. Es fehlten noch wenige Meter zur Sperre, als sich sein Vater in den Pedalen aufstellte und schrie: Hoch lebe der Duce!" Die überraschten Faschisten mussten den militärischen Gruß ausführen, und so konnten sich meine Vorfahren aus dem Staub machen und entgingen den Kugeln der Faschisten.
Es liegt mir sehr am Herzen, an meinen Urgroßvater zu erinnern, den ich leider nicht kennen lernen konnte. Doch nach den Erzählungen meines Großvaters gelang es ihm, das Leben seiner Familie während des ganzen Zweiten Weltkrieges zu schützen.

Das zweite Textbeispiel aus: "Erzählst du mir, Großmutter? Erzählst du mir, Großvater?", hrsg. v. Figli della Shoa, Venedig:

Eine Berghütte als Zufluchtsort

Marcello erzählt die Geschichte seiner Großmutter Olga.

Meine Großmutter Olga war 17 Jahre alt als an einem Spätnachmittag ein Angestellter der Gemeinde von Lido di Venezia erschien und sie warnte: "Flieht, flieht sofort! Ihr seid unter den Ersten. Sie werden kommen und euch holen!"
Meine Großmutter und ihre Familie ließen den Reis und die Kartoffeln auf dem Tisch stehen und sie verließen ihre Wohnung am Lido so, wie sie waren: in Sommerkleidern und Sandalen, auf der Suche nach einem Zufluchtsort.
Die Flucht in Richtung Süditalien wurde in Florenz durch eine Kontrolle der SS am Bahnhof unterbrochen: Sie waren zu viert, Juden und dazu noch Ausländer. Zum Glück verursachte ein Flugzeugalarm ein Durcheinander, das es ihnen ermöglichte, sich unter dem Zug zu verstecken, um dann in irgendeinen Wagon zu springen, der sie in Richtung Norden brachte.
Für ungefähr zwei Jahre fanden sie Zuflucht in einer Hütte in den Bergen von Asiago. Es war genau die Gegend, in der meine Großmutter gewöhnlich während der Winterferien Ski fahren ging, und somit kannten sie Herrn Martello, einen ehrlichen Förster, und vertrauten sich ihm an. Er stellte eine Hütte zur Verfügung, die im Sommer zur Herstellung von Käse benutzt wurde. Es gab keine Betten, kein Bad, keine Möbel - aber es war ein sicherer Ort, und das genügte. Sie lebten total einsam. Das Leben spielte sich hauptsächlich in der Nacht ab, um kein Risiko einzugehen; die Neuigkeiten Ober den Stand des Krieges waren spärlich.

Eines Morgens hörten sie ein lautes Glockengeläute, das aus dem Ort herüberschallte. Großmutter Olga, sehr mutig, sagte. "Ich gehe den Wald hinunter bis zum Ort, ihr werdet sehen: Der Krieg ist beendet, alle sind beim Feiern." Voller Freude und Erregung rannte sie los. Sie hielt sich ein Stück zurück, in den Bäumen versteckt, sodass sie sehen konnte, wie man auf dem Dorfplatz Spruchbänder schwenkte und auch Fest- und Feierstimmung herrschte. Sie näherte sich noch etwas und las: Hoch lebe unser neuer Pfarrer." Der Traum war vorbei, aber obwohl die Illusion von Freiheit nur wenige Minuten dauerte, gab sie allen neuen Mut zum Überleben bis zur wirklichen Befreiung.
Anfang April kehrten sie zurück nach Venedig. Aufgrund der andauernden Durchsuchungen war es in den Bergen zu gefährlich geworden. Sie suchten die Partisanen, die Deserteure und natürlich auch die Juden.
Und so endet Großmutters Geschichte: "Wenige Tage vor der Befreiung wurden wir in Venedig vom Onkel und von Großvater, die ihr Haus verkauft hatten, versteckt. Wir mussten in einem Zimmer bleiben, denn auch hier war die Situation nicht beruhigend. Ab und zu schrieen uns die Mitbewohner zu: Die Faschisten, die Faschisten!',' Und wir flohen auf die Dächer, um uns zu verstecken."

Die Familie zählte nach: Es fehlte niemand, wir waren alle gerettet. Als erstes Zeichen unserer Freiheit gingen wir zum Grab der Urgroßmutter. Ein Onkel sagte gerührt in venezianischen Dialekt: "Siehst du Mama, wir sind alle da." Ein anderer fügte hinzu: Alle leben, aber ohne Moneten!" Und nach einem Moment der Verwirrung brach ein großes Gelächter aus.